Pressemeldung · 21. Januar 2021

Biologische Vielfalt: Wissenschaft und Gesellschaft müssen an einem Strang ziehen

Die BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt lud auf einer Auftaktkonferenz zur Diskussion. Fazit der Veranstaltung: Für den Schutz der menschlichen Lebensgrundlagen sind alle Teile der Gesellschaft gefordert.

– Für den Inhalt dieser Pressemitteilung ist die Koordinierungsstelle der Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) bei der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung verantwortlich –

Am 14. und 15. Januar stellte sich die BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt (FEdA) auf einem digitalen Kongress der Wissenschaft und der Öffentlichkeit vor. Mehr als 300 Teilnehmende aus Forschung, Politik und Verwaltung, Landwirtschaft und Naturschutz diskutierten dabei über die Bewahrung der biologischen Vielfalt in Deutschland. „Ich bin überzeugt: Artenschutz ist unsere beste Zukunftsvorsorge“, stellte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek zur Eröffnung fest. Jahrzehntelang habe vor allem der Klimawandel im Fokus gestanden. Nun sehe man aber, wie entscheidend auch der Artenreichtum ist – „als Grundlage für alles, was uns am Leben erhält“, so Karliczek.

Die Forschungsinitiative untersucht die Ursachen für den Verlust von Biodiversität und entwickelt neue, praxistaugliche Maßnahmen dagegen. In der ersten Ausschreibung „BiodiWert – Wertschätzung und Sicherung von Biodiversität in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ werden bislang 19 Forschungsprojekte an wissenschaftlichen Einrichtungen in ganz Deutschland gefördert. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie sich die Bedeutung intakter Ökosysteme – und die Kosten ihrer Zerstörung – stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein verankern lassen. Eine artenreiche und vielfältige Umwelt ist dabei auch aus wirtschaftlicher Sicht unerlässlich, wie eine Reihe von Beispielen zeigt: Zu den „Leistungen“ von Ökosystemen gehören etwa die Bestäubung in der Landwirtschaft, die Eindämmung der Folgen des Klimawandels und der Schutz vor Bodenerosion. So lautete auch eine der Forderungen, die auf der Konferenz laut wurden: „Keine Wirtschaftsberichterstattung ohne Berücksichtigung der Natur!“

Dass höchster Handlungsbedarf besteht, machte Volker Mosbrugger deutlich, Paläontologe und Sprecher der Forschungsinitiative: „Auch in Deutschland findet ein dramatischer Artenverlust statt, milliardenschweren Schutzbemühungen etwa der Europäischen Union zum Trotz.“ Die 2002 vereinbarten Biodiversitätsziele der Vereinten Nationen und die jüngst zu Ende gegangene Dekade der Biologischen Vielfalt hätten in dieser Hinsicht nicht viel gebracht, so Mosbrugger. Etwa ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten in Deutschland ist derzeit vom Aussterben bedroht. Für ein Umsteuern brauche es nicht allein weitere wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern eine sogenannte „transformative“ Forschung. Diese müsse von Anfang an Akteure aus der Politik, der Wirtschaft und der Landwirtschaft sowie dem Naturschutz einbeziehen und gemeinsam mit diesen Handlungsstrategien entwickeln. Klar sei, dass es einen breiten gesellschaftlichen Konsens brauche: „Mit Schwarz-Weiß-Malerei – etwa: hier die gute Bio-Landwirtschaft, dort die böse konventionelle Erzeugung – kommen wir nicht weiter“, sagte Mosbrugger. Auch der Handel und Unternehmen müssten stärker in die Verantwortung gezogen werden.

Der Landwirtschaft kommt eine Schlüsselrolle für den Erhalt der biologischen Vielfalt zu, da sie die Hälfte der gesamten Fläche Deutschlands für die Produktion von Lebensmitteln nutzt. Darüber tauschten sich auf einer Podiumsdiskussion am ersten Konferenztag die Agrarbiologin Alexandra Klein von der Universität Freiburg und die Ökolandwirtin Anja Hradetzky, die als Fernsehköchin bekannt gewordene Grünen-Politikerin Sarah Wiener, die ebenfalls Mitinhaberin eines Biobetriebs ist, und Friedhelm Dickow, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands für den Kreis Dingolfing-Landau, aus. Dass Biodiversität in der Produktion von Nahrungsmitteln noch keine so große Rolle spielt, führte Dickow auf die Historie der Landwirtschaft zurück, in der die Konzentration auf Produktivität am nötigsten gewesen sei. Er hob hervor, dass es mittlerweile auch Möglichkeiten für konventionell arbeitende Bäuerinnen und Bauern gebe, etwas für den Erhalt der Biodiversität zu tun.

Dirk Steffens, ZDF-Wissenschaftsjournalist und Moderator des ersten Konferenztages, stellte fest: „Da schimmert eine neue Rolle der Wissenschaft durch: Statt nur an Erkenntnissen orientiert zu sein und das gesellschaftliche Engagement anderen zu überlassen, haben wir nun ein Thema, wo das gar nicht mehr geht. Forscherinnen und Forscher müssen sich beim Problem des Artenverlusts fragen: Wie können wir in die Gesellschaft hineinwirken – damit die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auch zu den richtigen Schlussfolgerungen führen?“