Stell dir vor, du fährst mit dem Rad durch eine weite, offene Landschaft. Vielleicht fährst du an strahlend gelben Rapsfeldern entlang oder über bunte Blumenwiesen. Anders als in dichten Wäldern kann man hier viel weiter in die Ferne schauen.
In Deutschland nehmen solche Landschaften, die man Agrar- und Offenland nennt, etwa die Hälfte der Fläche im Land ein. Sie sind stark vom Menschen geprägt und werden größtenteils für die Landwirtschaft genutzt, also zum Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln. Doch Agrar- und Offenland ist sehr vielfältig und umfasst nicht nur Ackerland, sondern auch Wiesen, Moore und natürliches Grasland. Nicht nur wir Menschen profitieren von dieser Landschaft ‒ auch viele Tiere und Pflanzen leben hier und sind auf diesen besonderen Lebensraum angewiesen.
Aber warum ist Agrar- und Offenland so besonders für die biologische Vielfalt? Das hat viel mit der langen Nutzungsgeschichte durch den Menschen zu tun. Schon vor etwa 10.000 Jahren begannen die Menschen, sich an einem Ort niederzulassen und Felder zu bewirtschaften. Am Anfang führte das dazu, dass die Landschaft vielfältiger wurde und die biologische Vielfalt zunahm. Viele Lebewesen haben sich an die Bedingungen der traditionellen Landwirtschaft angepasst und können in anderen Umgebungen, wie zum Beispiel in Wäldern, kaum oder gar nicht überleben.
Doch leider ist dieser wichtige Lebensraum heute bedroht. Seit der landwirtschaftlichen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert hat sich die Art, wie wir Felder bewirtschaften, stark verändert: Aus traditionellem Ackerbau wurde eine intensive Landwirtschaft. Heute kommen viele künstliche Düngemittel und Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, schwere Maschinen bearbeiten den Boden, es wird zu oft und zu ungünstigen Zeiten gemäht und Moore werden trockengelegt, um noch mehr Platz für Felder zu schaffen. Diese Veränderungen zerstören die Lebensräume und Nahrungsquellen vieler Tiere und Pflanzen. Besonders betroffen sind Ackerwildkräuter, Vögel, Fledermäuse und Insekten wie Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge. Ein spannendes Beispiel dafür ist der Wiesenknopf-Ameisenbläuling, den wir uns im nächsten Abschnitt genauer anschauen werden.
Welche Rolle spielt Agrar- und Offenland für den Wiesenknopf-Ameisenbläuling?
Wir Menschen sind sehr flexibel: Auch wenn uns nicht jedes Lebensmittel gleich gut schmeckt, können wir viele verschiedene Dinge essen. Ebenso wie wir fast überall auf der Welt leben können. Doch bei manchen anderen Lebewesen sieht das ganz anders aus. Sie sind so sehr auf eine bestimmte Nahrungsquelle und einen Lebensraum angewiesen, dass sie sich im Notfall keine Alternative suchen können. Wenn ihr Lieblingsfutter oder ihr Zuhause plötzlich wegfällt, haben sie keine Chance und sterben.
Ein spannendes Beispiel für eine solche hochspezialisierte Art ist der Wiesenknopf-Ameisenbläuling, ein braun-blauer Schmetterling mit schwarzen Punkten auf den Flügeln. Er lebt ausschließlich auf feuchten Wiesen, auf denen der Große Wiesenknopf wächst und außerdem eine ganz bestimmte Ameisenart zu Hause ist. Jeden Sommer legen die weiblichen Wiesenknopf-Ameisenbläulinge ihre Eier auf die tiefroten Blüten des Großen Wiesenknopfs. Diese Pflanze ist zusätzlich auch Nektarquelle und „Dating-Plattform“ für die Schmetterlinge.
Die Raupen, die aus den Eiern schlüpfen, fressen sich erst quer durch die Blüten des Großen Wiesenknopfs und lassen sich danach auf den Wiesenboden plumpsen. Dort treffen sie auf die Rotgelbe Knotenameise, eine andere Art, die für das Überleben der Raupen unerlässlich ist. Die Raupen lassen sich von den Ameisen in deren Nest tragen. Dort überwintern sie, indem sie sich entweder von den Ameisen füttern lassen oder deren Brut fressen. Im Juli des darauffolgenden Jahres verlassen die Raupen das Nest wieder als Schmetterlinge – und der faszinierende Kreislauf beginnt von vorn. Die Ameisen machen dabei allerdings nicht freiwillig mit, sondern sie werden von den Schmetterlingsraupen getäuscht. Diese senden nämlich spezielle Stoffe aus, die die Ameisen glauben lassen, die Raupen seien Artgenossinnen. Ganz schön erfinderisch, oder?
Der Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist eine Art, die extrem auf einen bestimmten Lebensraum angewiesen ist. Doch leider wird dieser immer mehr zerstört. Die intensive Landwirtschaft, bei der schwere Maschinen den Boden verdichten, stört die Ameisen. Außerdem zerstört ein zu frühes Mähen im Sommer den Wiesenknopf, der für den Schmetterling so wichtig ist. Deshalb ist der Wiesenknopf-Ameisenbläuling heute stark gefährdet. Um ihn und viele andere Arten zu schützen, müssen wir also dafür sorgen, dass die Landwirtschaft wieder mehr Rücksicht auf die Natur nimmt.
Wie beeinflussen Wirtschaft und Politik diesen besonderen Lebensraum?
Die biologische Vielfalt im Agrar- und Offenland wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst. Diese Faktoren nennt man „Treiber“. Es gibt direkte Treiber, die sich unmittelbar auf die Artenvielfalt auswirken, wie zum Beispiel der Einsatz von Pestiziden. Aber es gibt auch indirekte Treiber, die einen Effekt auf die Nutzung von Landschaft und Boden haben und damit indirekt den Lebensraum beeinflussen. Dazu gehören politische Entscheidungen und wirtschaftliche Entwicklungen.
In der Vergangenheit haben wirtschaftliche Entwicklungen und politische Entscheidungen oft dazu geführt, dass die biologische Vielfalt auf Agrar- und Offenland zurückgegangen ist. Politische Maßnahmen bieten jedoch auch Möglichkeiten, die Natur zu schützen.
Beispiele für die Wirkung von Politik und Wirtschaft als indirekte Treiber
Gemeinsame Agrarpolitik der EU
Diese Regelung sollte ursprünglich die Nahrungsmittelproduktion steigern und den Markt stabilisieren. Heute beinhaltet sie auch Maßnahmen, die die Artenvielfalt schützen sollen ‒ doch oft sind diese nicht effektiv genug.
Intensivierung der Landwirtschaft
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich die Landwirtschaft stark verändert. Durch den Einsatz von Maschinen, künstlichem Dünger und Pestiziden gibt es zwar eine gesteigerte Nahrungsmittelproduktion ‒ aber leider auch weniger biologische Vielfalt.
Veränderte Konsumgewohnheiten
Weil die Weltbevölkerung wächst und viele Menschen mehr Geld haben, wird mehr gekauft. Das hat Einfluss auf die Flächen, die für die Produktion von Nahrungsmitteln genutzt werden ‒ und damit auch auf die Artenvielfalt.
Globaler Wettbewerb
Der internationale Wettbewerb beeinflusst, welche Pflanzen angebaut werden. Landwirte wählen dabei oft Pflanzen, die viel Geld einbringen.
Naturschutzgesetze
In Deutschland gibt es Gesetze, die bestimmte Gebiete schützen, wie die Natura-2000-Gebiete. Diese Gesetze legen fest, wie Agrar- und Offenland genutzt werden darf.
Was können wir tun, um Agrar- und Offenland als Lebensraum zu schützen?
Um die biologische Vielfalt auf unseren Wiesen und Feldern zu schützen, müssen wir alle zusammenarbeiten. Und das Gute ist: Auch du kannst mithelfen!
Jeden Tag treffen wir Entscheidungen, die die Welt um uns herum beeinflussen. Zum Beispiel im Supermarkt: Wenn wir regionale und umweltfreundliche Produkte kaufen – wie Kartoffeln oder Äpfel von Bauernhöfen in unserer Nähe – unterstützen wir Landwirte, die sich um die Natur kümmern. Das hilft der ökologischen Landwirtschaft zu wachsen. Denn wenn andere Landwirte sehen, dass diese Art der Landwirtschaft funktioniert, werden sie vielleicht ebenfalls motiviert, nachhaltiger zu arbeiten und die Artenvielfalt auf ihren Feldern zu schützen. Du kannst aber beispielsweise auch durch einen Urlaub auf einem Bauernhof oder andere Tourismusangebote Landwirte unterstützen, die sich für Naturschutz einsetzen. Das ist nicht nur ein tolles Abenteuer, sondern hilft auch, die Biodiversität zu schützen.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist, dass Landwirte für ihre umweltfreundliche Arbeit Anerkennung und eine faire Bezahlung bekommen. Deshalb muss die Politik dafür sorgen, dass Naturschutz in der Landwirtschaft belohnt wird. Außerdem müssen Landwirte wissen, wie sie die biologische Vielfalt besser schützen können. Deswegen ist es wichtig, dass es Informationsangebote gibt, die ihnen zeigen, warum intensive Landwirtschaft schädlich für die biologische Vielfalt ist und welche nachhaltigen Alternativen es gibt. Dazu gehören zum Beispiel das Anlegen von Blühstreifen oder die Anpassung der Mahd an die Bedürfnisse von Tieren und Pflanzen.
Insgesamt ist eine nachhaltige Agrarpolitik notwendig, die nicht nur den maximalen Profit im Auge hat, sondern auch die Umwelt schützt. Das ist auch deswegen wichtig, damit unsere Böden fruchtbar bleiben und wir in Zukunft weiter Lebensmittel auf unseren Feldern anbauen können. Wenn wir dafür sorgen, dass auf Feldern und Wiesen die Natur geschützt wird, hilft das also nicht nur den dort heimischen Lebewesen – es kommt auch uns Menschen zugute.